Rüdiger Plantiko

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Sind die Unterschiede zwischen Rechts und Links nicht obsolet? Ist die Kritik am demokratiefeindlichen Globalisierungsprojekt der politischen Klasse nicht ein Thema, das jenseits der Rechts/Links-Kategorien steht? Und könnte sich nicht durch Vereinigung der linken und rechten Opposition zum herrschenden Einheitskurs der Blockparteien etwas Neues ergeben - unter dem Banner des gemeinsamen Kampfes für nationale Souveränität und direkte Demokratie?

Gegenüber dieser Perspektive, wie sie ihm Jürgen Elsässer in einer Podiumsdiskussion nahelegte, beharrte der Verleger und Journalist Götz Kubitschek auf dem disparaten Unterschied von Rechts und Links, der sich im Grundsatz niemals unter den Teppich kehren liesse - da es ein fundamentaler Unterschied im Menschenbild sei. Taktische Bündnisse seien möglich (etwa gegen TTIP, gegen US-Hegemonie, gegen die Brüsseler Zentralregierung und ihre Währung, für nationale Souveränität), aber die Differenzen im Menschenbild liessen sich nicht verwischen. Seine Argumentation sei hier in eigenen Worten wiedergegeben:

Für die Linke ist der Mensch formbar: er kommt als leeres Blatt auf die Welt, das von von der Gesellschaft beschrieben wird. Mißstände sind aus Sicht der Linken immer strukturelle Probleme - oder Folgen von böswilligen Manipulationen der herrschenden Klasse. Sie können also grundsätzlich immer durch Änderung des gesellschaftlichen Rahmens und durch Erziehung zum Guten, durch Gegenmanipulation beseitigt werden.

Linke sind Sozialingenieure - sie glauben, dass die Gesellschaft ebenso konstruierbar sei wie eine Brücke oder ein Hochhaus. Darin steckt für den Konservativen eine unerhörte Hybris, ein mangelnder Respekt gegenüber dem komplexen System einer Zivilisation, das in Jahrtausenden in Raum und Zeit gewachsen ist, bis es die heutige Form angenommen hat. Der Mensch überschätzt seine Kräfte, wenn er in einem hemdsärmeligem Ingenieurs-Optimismus glaubt, diese Zusammenhänge mal eben über Bord werfen und durch ein ausgedachtes, konstruiertes System austauschen zu können – nur weil dieser oder jener Um- oder Mißstand seinem Moralempfinden sauer aufstösst.

Der Glaube an die Konstruierbarkeit aller menschlichen Verhältnisse setzt den Menschen aber auch unter einen ungeheuren, auf die Dauer nicht auszuhaltenden Druck: denn wenn alles konstruierbar ist, ist er auch für alles verantwortlich. Es gibt nichts schicksalhaft Gegebenes, auf das er sich beziehen kann. Er ist in ständiger Unruhe, alles ist grundsätzlich zur Disposition gestellt. Für jede Einzelheit ist er verantwortlich, denn er könnte sie ja ändern. Mit dem Vorhaben, die ganze Welt aus seinem eigenen Moralempfinden neu zu erschaffen, masst sich der Mensch eine Rolle an, für die er nicht gemacht ist und die ihn um seine Ruhe bringt – um das gelassene In-Sich-Ruhen, das am Anfang alles kraftvollen Handelns steht.

Für den Konservativen ist und bleibt der Mensch ein unvollkommenes Wesen. Das Schlechte kommt nicht von der Gesellschaft, sondern aus ihm selbst, aus seiner eigenen Natur. Er kann nicht Gott werden, er kann sich nicht zum Gott und die Welt nicht zu einem paradiesischen Ort machen, frei von Herrschaft und Unrecht. Versuche, die Gesellschaft nach einer ausgedachten Utopie umzubauen, werden immer scheitern und müssen scheitern, enden oft in furchtbaren Katastrophen. "Noch immer haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgaben, sie zum Paradies zu machen" (Hölderlin).

Der Mensch ist nur bis zu einem gewissen Grade zivilisierbar – auf dem Grunde seiner Seele rumort weiter die Tiernatur. Die Gesellschaft ist daher immer in Gefahr, den hauchdünnen Firnis von Zivilisation, zu dem sie sich durchgerungen hat, wieder zu verlieren, es droht immer der Rückfall ins Bandenwesen, ins nackte Recht des Stärkeren, in den Kampf jedes gegen jeden, in die Gesetzlosigkeit.

Jeder Mensch ist aber auch ein Entwurf Gottes: Er ist schicksalhaft an einen bestimmten Ort in eine bestimmte Zeit gesetzt, um das ihm Gegebene aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Jeder Mensch ist einzigartig, ein Wert für sich. Er ist nicht nur ein Rädchen in einem grossen Getriebe, er hat nicht nur funktional zu sein, sondern er steht selbst im Mittelpunkt, er ist frei. Aber er ist es nicht als von allem losgekoppeltes, isoliertes Atom, sondern er ist in die Zusammenhänge seiner Tradition, seines Volkes, seiner Familie gestellt - es ist ihm ein Erbe gegeben, ein Vermächtnis. Er steht vor der verantwortungsvollen Aufgabe, der "priesterliche Mittler zwischen Gestern und Morgen" (Pfarrer Hans Milch) zu sein, das ihm Gegebene für seine Nachfahren auszubauen und weiterzuentwickeln:

"Dadurch, daß ich Volk bin, bin ich nicht nur 50, 60 Jahre alt, sondern Jahrhunderte Jahre alt. In mir sammelt sich das, was in den von Raum, Blut und Schicksal geprägten Menschen, die sich ‘Volk’ nennen, geschehen ist, an Leistung, Leiden, auch an Verbrechen. Der bewußte Mensch ist geformt und gespeist von dem, was früher geschah. Darum ist er priesterlicher Mittler zwischen den Geschlechtern, zwischen Gestern und Morgen. Auch das ist dahin! ... Der Mensch von heute weiß nicht mehr, was Geschichte ist, da er nicht mehr das Wesen des Menschen, die Bedeutung der menschlichen Person erkennt" (Pfarrer Hans Milch)

Aus diesem Menschenbild resultiert beispielsweise, dass sich Menschen nicht nach Bedarf irgendeines Systems über den Globus verschieben lassen; sie werden dabei entwurzelt. Mit der Zerstörung des sozialen Kapitals, aus dem ein Volk nur existieren kann, wird aber auch den zivilisatorischen Errungenschaften der Boden entzogen, die sich die Völker erschaffen haben - etwa den Freiheits- und Menschenrechten, auf die wir Europäer zu Recht so stolz sind.

Von den berühmten "vier Freiheiten" der EU - der freien Verschiebbarkeit von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Menschen - sind die ersten drei unproblematisch (jedenfalls solange man sie nicht zu Göttern erklärt, denen Kompetenzen des souveränen Nationalstaats zu opfern seien). Die vierte aber ist hochgefährlich und legt die Axt an das gesamte System. Insoweit der Liberalismus sich blind macht für die Verwurzelung der Menschen in Raum und Zeit, leidet er an demselben Machbarkeitswahn wie die Linke, er hat nur ein anderes Ideal: in seiner Utopie ist es der von überkommenen Regeln und Vorschriften befreite homo oeconomicus, der alles zum Guten wenden kann.

"Das Linke ist natürlich eine faszinierende Sache – die Emanzipation von allem und jedem, von Raum und Zeit, von allem was gegeben ist. Das ist ein unglaubliches Programm, das ist sexy, das ist verführerisch. Jeder will ganz frei sein von allem. Aber sich zu bescheiden und Begrenzungen zu akzeptieren, und das Gegebene zu akzeptieren, etwas aus dem zu machen was man ist, was man vorfindet, und was einem die Geschichte aufgeladen hat, das ist vielleicht nicht ganz so sexy, das ist trockenes Brot, aber das ist letztlich das Stabile.

Darum geht es, wenn wir über Völker reden." (Kubitschek)

Veröffentlicht: Freitag, den 11. September 2015