Rüdiger Plantiko

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Daß es Nahtoderlebnisse gibt, ist unbestritten. Sie sind durch Tausende von Berichten gut belegt. Bei der Frage, wie sie zu erklären sind, scheiden sich die Geister. Materialisten sind aufgrund ihrer reduktionistischen Weltsicht dazu gezwungen, die Nahtoderlebnisse als eine Art Drogentrip zu erklären, also durch Substanzen ausgelöst, die das Gehirn in Situationen der Todesnähe ausschüttet.

Nun ist es sicher unbestritten, daß unsere seelischen und geistigen Zustände, solange wir uns in Körpern befinden, mit bestimmten Vorgängen im Gehirn parallel gehen. Auch das Denken, Fühlen, Sich-Erinnern, sogar das Beten, geht parallel mit bestimmten Vorgängen im Gehirn. Auch können Drogen unsere gesunde Leibesorganisation so verändern, daß bestimmte Teile unseres seelischen und geistigen Lebens besonders in den Focus geraten, so daß das Denken und Fühlen nur in einer verzerrten Form geschieht oder durchlässig wird für Erinnerungen oder geistige Wirklichkeiten, die normalerweise nicht wahrgenommen werden können.

Besonders fragwürdig wird die materialistische "Erklärung" von Nahtoderlebnissen als durch chemische Stoffe ausgelöste Vorgänge im Gehirn aber, wenn man bedenkt, daß manche nach ihrer Rückkehr Details ihrer Operation beschrieben oder Gespräche ihrer Angehörigen wiedergeben konnten, die sie im Wartezimmer des Krankenhauses "gehört" hatten.

Nicht alle Fälle sind so spektakulär wie der von Pam Reynolds. Frau Reynolds wurde im Jahre 1991 in einer siebenstündigen Operation ein sehr tief im Gehirn sitzender Tumor entfernt. Für diese hoch riskante Operation wurde sie auf 10° C heruntergekühlt, alles Blut wurde aus ihrem Gehirn gepumpt, Atmung und Herzschlag wurden gestoppt. Ihre Augen waren verschlossen und bedeckt, in den Ohren steckten Ohrstöpsel, optische und akustische Wahrnehmungen sind in einem solchen Zustand sowieso biologisch ausgeschlossen. Trotzdem beschrieb sie nachher in einer Detailtreue, die den Chirurgen verblüffte, den Verlauf der Operation, die Geräte, die er dabei benutzte, sowie die Gespräche des Operationsteams.

Hier eine NBC-Reportage über den Fall:

Nun gehören auch Nahtoderlebnisse zur empirischen Welt, und zwar völlig unabhängig davon, ob sie mit rein sinnlichen Ursachen erklärbar sind oder nicht. Sie sind nach meiner Ansicht zwar mit hoher Evidenz wahr (authentisch, echt), nicht falsch (eingebildet, halluziniert, fingiert, erfunden) - aber sie könnten beides sein, das ist der Punkt. Wie bei den Naturwissenschaften stehen alle empirischen Beobachtungen unter Vorbehalt (nach Karl R. Popper ist "Falsifizierbarkeit" ein wesentliches Merkmal aller empirischen Wissenschaft: daß sie nämlich Bedingungen angibt, unter denen sie widerlegt werden kann), sind daher immer nur vorläufig, nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wahr, sie haben niemals eine "intrinsisch" in ihrem Wesen liegende, notwendige Wahrheit. Sie fallen somit in eine andere Kategorie als metaphysische oder mathematische Aussagen - die mit innerer Notwendigkeit wahr oder falsch sind.

In diesem Blogbeitrag erklärt der Philosoph Edward Feser diesen sehr wichtigen Unterschied (er klärt den Unterschied von Metaphysik und empirischer Wissenschaft, dazwischen gibt es bei ihm noch ein klar definiertes drittes Feld, das er Naturphilosophie nennt):

Natural theology, natural science, and the philosophy of nature

Die letzten Dinge sind in ihrem Wesen metaphysische Wahrheiten, daher ist es für Christen nicht wichtig, wenn sich (entgegen aller Evidenz) die Nahtoderlebnisse als falsch herausstellen sollten - die Hoffnung der Christen ist auf die visio beatifica, die seligmachende Schau Gottes gerichtet. Das ist der Himmel, er ist in einer "essentiellen" Ebene angesiedelt, weit jenseits von dem, was man sich so über das Jenseits erzählt.

Viel schlimmer ist es daher für Materialisten, wenn die Nahtoderlebnisse sich als wahr erweisen, als es für Christen wäre, wenn sie sich als Irrtum oder Illusion oder (Selbst?)betrug erweisen würden.

Wer im Unterschied zu dem Hin und Her und der ganzen ewigen Unsicherheit dieser empirischen Welt einmal eine Kostprobe metaphysischen Denkens nehmen will, kann hier der Argumentation von Edward Feser folgen und sich eine logisch-rational begründete Einsicht in die Existenz Gottes verschaffen:

Veröffentlicht: Sonntag, den 3. September 2017