Rüdiger Plantiko

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Immer wieder bringen Hauptstrommedien triumphierend Artikel des Inhalts, nach unwiderlegbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen seien Linke schlauer als Rechte. Manche Leser dürften die Artikel dieser Art wirklich im gewünschten Sinne beeinflussen, da es doch wohl nicht falsch sein kann, sich an den ausgewiesenen Schlauen zu orientieren. Und steht es nicht um die Gesellschaft am besten, wenn in jedem Bereich die Besten ihrer Art die Stellen mit der höchste Verantwortung tragen? Sollen dann also nicht auch die Besseren, die Klügeren, also die Linken politisch herrschen?

Und schon ist das Kreuzchen bei einer linken Partei gemacht!

Nun mag es vielleicht sogar stimmen, daß diese Studien methodisch korrekt ausgeführt wurden und der durchschnittliche IQ von Rechten tatsächlich messbar einige Punkte unter dem von Linken liegt. Das gibt aber den linken Auffassungen von Gesellschaft und Mensch keine Kreditpunkte, auch wenn es oberflächlich so scheinen sollte.

Tatsächlich muß man kein Einstein sein, um realitätsorientiert zu denken und zu handeln. Um die Realität so zu nehmen, wie sie ist, braucht man weniger Intelligenz, als um sie sich nach Maßgabe einer Ideologie zurechtzukneten.

Dem einfachen Menschen würde ein Satz wie "Eigentlich ist das Schwarze weiß" niemals über die Lippen kommen – dazu ist sein Respekt vor der Wahrheit viel zu hoch. Der Intellektuelle aber scheut nicht davor zurück, aus Schwarz Weiß zu machen und ist noch stolz auf seine ausgeklügelten Argumentationen, die er zum Beweis vorträgt. Für ihn ist die Argumentation der Leistungsnachweis, die zu vertretende These ist im Prinzip frei wählbar – ein Soz-Päd-Phil-Pol-Akademiker wird sich die gerade politisch opportunen Thesen zum Betätigungsfeld erwählen. Die Welt wie sie ist zu erkennen, die Realität anzuerkennen, was die Philosophen als "naiven Realismus" belächeln, bringt ihn nicht voran: das kann schließlich jedes Landei. Akademikern gilt seit Zeiten der Sophisten das τὸν ἥττω λόγον κρείττω ποιεῖν als höchster Ausweis ihrer Kunst: daß sie es schaffen, mit kluger Rede das schwächere Argument zum stärkeren zu machen.

Kurz: Schlaue lügen besser.

Dazu kommt, daß wir statt eines Privatgelehrtentums einen vom Staat finanzierten Wissenschaftsbetrieb haben (was ich nicht in Frage stellen will, was aber ein hohes Risiko birgt). Das bedeutet, die Gesellschaft leistet sich das Expertensystem "Universität", um durch forschendes Erkennen Richtiges über Natur, Gesellschaft, Geist und Mensch herauszufinden – nennen wir es griffig das Expertensystem für das Wahre. Dieses Expertensystem kann kaputtgehen: sobald sich die Lüge darin eingenistet hat, die Forschung also unter falschen, ideologisch bestimmten Vorgaben erfolgt, gibt es kein Kontrollsystem, das dies korrigieren könnte. Es kommt regelrecht zu einer Resonanzkatastrophe: das sophistische Berufsethos des Geisteswissenschaftlers sieht es dann als eine besondere Herausforderung an, die vorgegebene Agenda zu bestätigen – je absurder die Vorgaben sind, desto besser. Im Verleugnen des Augenfälligen, des Offensichtlichen, zeigt sich erst das ausgewiesene Können des Intellektuellen, und wenn der politische Wind einen Schelmen verlangt, setzt der Akademiker noch einen halben darauf. In dieser Richtung kann er gar nicht genug übertreiben, denn es ist die offiziell gewünschte Linie, und potentiell ist es anderen Akademikern zwar möglich, ihm zu widersprechen, es ist aber einfacher und bequemer, den Mund zu halten, in irgendwelchen Nischen vor sich hin zu forschen oder sich selbst mit der Lüge konform zu äußern.

Dies ist übrigens ein Grundproblem alles staatlichen Handelns (und dennoch geht es nicht völlig ohne staatliches Handeln, man muß sich nur dieses Problems bewußt sein): die Gefahr, daß das Subventionierte außer Kontrolle gerät und sich zum Gegenteil dessen entwickelt, wozu es eigentlich gedacht war. Prototyp für diese Effekte ist die Kobraprämie des indischen Gouverneurs, die die Kobraplage nicht eindämmte, weil die Bauern die prämierten Kobras zu züchten begannen, um die "Prämie je erlegte Kobra" einzustreichen. Vielleicht ist unser Expertensystem zur Ermittlung des gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich Richtigen diesem Effekt bereits komplett zum Opfer gefallen.

Wenn keine Korrektur aus dem System heraus erfolgt, kommt die Korrektur durch die Realität. Wenn der Steuermann irre ist oder den Kompass nicht mehr richtig lesen kann und niemand aus der Mannschaft dies bemerken oder korrigieren kann, läuft das Schiff eben auf Grund. Oder, wie es Ayn Rand einmal formulierte: Du kannst zwar die Realität verleugnen, aber Du kannst nicht die Konsequenzen des Verleugnens der Realität verleugnen.

Um es mit Jesaja abzuschließen:

Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse heißen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen,
die aus sauer süß und aus süß sauer machen!
Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug!
Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und Krieger in Völlerei;
die den Gottlosen gerechtsprechen um Geschenke willen und das Recht der Gerechten von ihnen wenden!
Veröffentlicht: Montag, den 1. August 2016