Rüdiger Plantiko

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An der mathematischen Urteilsfähigkeit von Blaise Pascal kann es keinen Zweifel geben - und auch von seiner Religiosität gibt es tiefe Zeugnisse. Die sogenannte Pascalsche Wette gehört aber nicht dazu. Sie ist im Kern genauso primitiv wie diese:

Du bist als Zeuge zu einem aufsehenerregenden Mordfall geladen, der sich kürzlich in deiner Nachbarschaft ereignete. Obwohl du dich zufällig nahe beim Tatort befunden hattest, hast du von der Tat selbst nichts mitbekommen. Zu deiner Überraschung sahst du aber den vermögenden Grafen von ***, wie er eilig aus dem Hause stürzte, in dem sich die Tat ereignet hatte, und in einer Kutsche davonbrauste.

Der Tat angeklagt aber wurde ein gewisser René Girodet, ein Nachbar des Opfers und bis zur Tat gänzlich unbescholtener Metzgermeister.

Am Vorabend vor deinem Termin tritt zu deinem Erstaunen eben jener Graf von *** auf dich zu. Er bietet dir eine hohe Geldsumme, deren Betrag dich schwindeln macht, falls du in deiner Zeugenaussage verschweigst, ihn am Tatort gesehen zu haben.

Was tust du?

Bleibst du wahrhaftig? Trägst du dem Gericht alles vor, wovon dir deine Sinne Kunde gaben - auch die überstürzte Flucht des Grafen - so gewinnst du nichts, sondern wirst wie bisher als armer Schlucker dein Dasein fristen. Machst du aber dein Gewicht als Zeuge geltend, indem du nur das kleine Sätzlein sprichst: "Ich glaube, Girodet war's" und die Sache mit der Kutsche verschweigst, so gewinnst du ein riesiges Vermögen und bist in Zukunft all deine materiellen Sorgen los.

Worauf ich hinauswill: Die Pascalsche Wette untergräbt unser Urteilsvermögen. Ein Glaube, den ich in der Hoffnung auf Lohn oder aus Furcht vor Strafe habe, ist nichts wert. Diesem Prinzip folgend, würde ich auch jederzeit unterschreiben, dass Schwarz Weiss ist, wenn Gott mich dafür mit ewiger Seligkeit belohnt. Zwar behauptet Pascal in der Diskussion seiner Wette, dass man mit rationaler Überlegung ebensogut zu einer Annahme wie einer Ablehnung der Existenz Gottes gelangen könne. Das Argument der Wette aber verlangt die Preisgabe der Vernunft um eines persönlichen Lohnes willen. Das Streben nach Wahrheit wird dem egoistischen Streben nach persönlichem Vorteil geopfert.
Veröffentlicht: Mittwoch, den 29. Februar 2012