Rüdiger Plantiko

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Oft begegnet man bei der Diskussion über Wikipedia einer abschätzigen Haltung: Es fallen Bemerkungen wie "Man merkt halt, dass Wikipedia von Laien gemacht ist". Im vom Staat bezahlten Wissenschaftsbetrieb setzt man sich dezidiert von Wikipedia ab, verbietet sogar, daraus zu zitieren.

Dabei stehen die Artikel aus dem naturwissenschaftlichen und Informatikbereich nach meinem Eindruck auf Hochschulniveau. Natürlich ersetzt ein Lexikonartikel kein Fachbuch. Aber für ein Lexikon dringt Wikipedia (mit dem angehängten Wikibooks) bemerkenswert tief in die Dinge ein. Man schaue mal im Brockhaus oder meinetwegen sogar in der Encyclopedia Britannica, ob dort der Beweis des bedeutsamen Satzes zu finden ist, dass die Kreiszahl Pi transzendent ist, also nicht als Nullstelle eines Polynoms mit rationalen Koeffizienten auftreten kann ( http://de.wikibooks.org/wiki/Beweisarchiv:_Algebra:_K%C3%B6rper:_Transzendenz_von_e_und_%CF%80 ) – einen Beweis, den ich im Mathematikstudium im dritten Semester kennengelernt habe.

Dazu kommt die Aktualität. Gedruckte Werke wie die Encyclopedia Britannica enthalten keine aktuellen Beiträge. Etwa über den revolutionären MapReduce-Algorithmus, mit dem Google es schafft, durch geschickte Parallelisierung das gesamte Internet zu indizieren: So wie er im Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/MapReduce beschrieben ist, könnte er die Grundlage für eine Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift über Informatik abgeben.

Im übrigen glaube ich, dass der abschätzige Blick auf "die Laien" im 21. Jahrhundert allmählich aussterben wird.

Was ist denn Wissenschaft eigentlich? Da sind die Herren von der Wissenschaftstheorie mittlerweile bescheiden geworden. Der Positivismus des 19. Jahrhunderts ist im 20. Jahrhundert nach und nach verklungen, und nach den Querschüssen von Leuten wie Paul Feyerabend ("Wider den Methodenzwang") hat man sich auf eine sehr pragmatische Definition geeinigt. Wissenschaft ist auch nichts anderes als die möglichst systematische Erforschung von Gegenständen der Erkenntnis, mit einer Sammlung von hergebrachten Methoden, die sich dem Gegenstand mehr oder weniger als angemessen erwiesen haben. Die vom Staat auf Lebenszeit beschäftigten Berufs-Wissenschaftler werden bemerken müssen, dass es unter 7 Milliarden Zeitgenossen einen sehr hohen Anteil von Menschen gibt, die das genauso gut oder sogar noch besser können als sie. Systematisch denken und reden, das können viele. Sehr viele! Viel mehr als einem Professor lieb sein kann: denn durch die Einsicht, dass dem so ist, verliert er seine Sonderstellung.

Wenn es gut kommt, dürfte der Satz "Jeder Mensch ist ein Wissenschaftler" in diesem Jahrhundert zum Gemeingut werden (wenn es gut kommt: D.h., wenn es nicht einem gewissen als "Religion" getarnten Totalitarismus gelingen wird, uns in eine Weltdiktatur hineinzubugsieren, was leider auch nicht unwahrscheinlich ist). Und so war das ja auch einmal gedacht mit der Wissenschaft: Nicht als Rechtfertigung für staatliche Planstellen, sondern als Einladung für alle, systematisch über die Dinge der Welt nachzudenken.

Veröffentlicht: Freitag, den 18. November 2011