Rüdiger Plantiko

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Die alte Pilatusfrage "Was ist Wahrheit" (Jo 18,38) beschäftigt mich immer wieder einmal. Ich habe zu viel Mathematik in meinem Leben getrieben, um jemals von meiner Überzeugung abzurücken, dass es nur eine Wahrheit gibt. Die modische Antithese ist die von der Relativität der Wahrheit: Jeder Mensch habe "seine Wahrheit", und es würde intolerant, krank und einsam machen, auf der Einzigkeit der Wahrheit zu beharren.

In Wirklichkeit macht es einsam, jedem Menschen seine eigene Wahrheit zuzugestehen. Denn dadurch wird die Wahrheit zu etwas Beliebigem, um das keine gemeinsame Bemühung notwendig ist. Die Rede von den vielen Wahrheiten klingt zwar vordergründig recht nett und tolerant. Sie kaschiert aber faktisch das Desinteresse an der Wahrheit des anderen: Die Wahrheit des anderen kann mir egal sein, denn ich habe meine eigene, und es hat ja sowieso jeder seine eigene. Wahrheit wird somit etwas völlig Beliebiges und damit auch völlig Belangloses. Die Rede von der Relativität der Wahrheit ist die passende Ideologie zu einer Gesellschaft von Vereinzelten, zwischen denen keine echte Kommunikation mehr möglich ist. Denn die verbindende Brücke zwischen den Einzelnen, das Element, das Menschen in gemeinsamem Bemühen einen kann, ist das Streben nach der Wahrheit.

Schädlich ist m.E. nicht die Überzeugung, dass es nur eine Wahrheit gibt, sondern der Glaube, im Gegensatz zu seinem Gegenüber oder zur grossen (und natürlich dummen) Mehrheit die Wahrheit zu besitzen. Die Suche nach der Wahrheit ist ein ständiger Prozess; man kommt meist nicht zu einem fertigen Ergebnis (obwohl es natürlich auch das gibt: Manche Dinge lassen sich eben klären, sie erweisen sich als richtig oder falsch), sondern hat Zwischenergebnisse, Findungen oder wenigstens Hinweise auf die Richtung, in der man erfolgversprechend weiter forschen sollte. Menschen, die sich in dem Willen einig sind, die Wahrheit zu suchen, erleben Gemeinschaft. Einen solchen Willen können nur die entwickeln, denen die Wahrheit überhaupt etwas bedeutet. Wer aus falscher Toleranz jedem seine eigene Wahrheit zubilligt, macht jede Kultur, jede Untergruppe der Gesellschaft, letztlich jeden einzelnen Menschen zu einer einsamen Insel.

So wie es nicht mehrere Wahrheiten gibt, so gibt es auch nicht mehrere Versionen von Menschenrechten. Menschenrechte sind universell. Beispiel Sklavismus: Es verstösst nicht nur für uns, sondern in jeder Kultur und jedem sozialen System gegen die Menschenwürde, Menschen zu verkaufen und als Sklaven zu halten. Es ist schief argumentiert, wenn man ein sklavistisches System gleichberechtigt neben ein anderes stellen möchte, in dem die Sklaverei abgeschafft ist, weil ja jede Gesellschaft ihre eigene Wahrheit, ihre eigenen Werte usw. habe: Die "Gleichberechtigung", in deren Namen man dies ausspricht, beruft sich auf ein übergeordnetes "Recht", das genau durch dieses Nebeneinander ja aufgehoben wird.

Sehr schön wird uns dieses Problem des Kulturrelativismus in einer Karikatur von Wulff und Morgenthaler vor Augen geführt:

Veröffentlicht: Sonntag, den 22. Mai 2011