Rüdiger Plantiko

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Die erste O-Antiphon lautet:

O Sapientia, quae ex ore Altissimi prodiisti, attingens a fine usque ad finem, fortiter suaviterque disponens omnia: veni ad docendum nos viam prudentiae.

O Weisheit, die Du aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen bist, alles von einem Ende zum andern umfassend, mit Stärke und Milde zugleich alles ordnend: Komm, uns den Weg der Klugheit zu lehren.

Im Glaubensbrief eines unbekannten priesterlichen Verfassers (1997) wird die Bibelstelle, die dieser Antiphon zugrundeliegt, näher gedeutet. Ebenso in Hans Milchs Predigt “Mutter der schönen Liebe” (vom 20. Mai 1979) und in der Predigt vom 31. Mai 1981 zum Fest Maria Königin.

Tatsächlich ist die Lesung zum Fest Maria Königin (Jesus Sirach 24:5; 24:7, 24:9-11; 24:30-31):

Ego ex ore Altíssimi prodívi, primogénita ante omnem creatúram; ego in altíssimis habitávi, et thronus meus in colúmna nubis. In omni terra steti; et in omni pópulo, et in omni gente primátum hábui, et ómnium excelléntium et humílium corda virtúte calcávi. Qui audit me, non confundétur, et qui operántur in me, non peccábunt; qui elúcidant me, vitam ætérnam habébunt.

Ich ging aus dem Mund des Höchsten hervor, die erstgeborene aller Kreaturen. Ich wohnte in den höchsten Höhen, und mein Thron stand auf einer Wolkensäule. Auf der ganzen Erde war ich, in jedem Volk und in jeder Nation hatte ich den höchsten Rang, und die Herzen der Großen und der Niedrigen bezwang ich. Wer auf mich hört, wird nicht zuschanden, und wer sich um mich bemüht, wird nicht sündigen, und die mich aufhellen, werden ewiges Leben haben.

Und zum Fest Mariä Unbefleckter Empfängnis bekommen wir zu hören (Spr. 8:22-35):

Dóminus possedit me in inítio viárum suárum, ántequam quidquam fáceret a princípio. Ab ætérno ordináta sum, et ex antíquis, ántequam terra fíeret. Nondum erant abýssi, et ego iam concépta eram: necdum fontes aquárum erúperant: necdum montes gravi mole constíterant: ante colles ego parturiébar: adhuc terram non fécerat et flúmina et cárdines orbis terræ. Quando præparábat coelos, áderam: quando certa lege et gyro vallábat abýssos: quando æthera firmábat sursum et librábat fontes aquárum: quando circúmdabat mari términum suum et legem ponébat aquis, ne transírent fines suos: quando appendébat fundaménta terræ. Cum eo eram cuncta compónens: et delectábar per síngulos dies, ludens coram eo omni témpore: ludens in orbe terrárum: et delíciæ meæ esse cum filiis hóminum. Nunc ergo, filii, audíte me: Beáti, qui custódiunt vias meas. Audíte disciplínam, et estóte sapiéntes, et nolíte abiícere eam. Beátus homo, qui audit me et qui vígilat ad fores meas cotídie, et obsérvat ad postes óstii mei. Qui me invénerit, invéniet vitam et háuriet salútem a Dómino.

Mich schuf der Herr als Erstling seines Wirkens vor seinen Werken in der grauen Urzeit. In fernster Zeit bin ich gebildet worden, im Anfang vor dem Anbeginn der Erde. Als noch kein Weltmeer war, bin ich geboren; als es nicht Quellen gab, an Wassern reich. Bevor die Berge tief verankert wurden, und vor den Hügeln ward ich schon geboren. Als er noch nicht gemacht die Erde und die Fluren, noch insgesamt die Schollen auf dem Festland, als er den Himmel schuf, war ich zugegen, als er die Wölbung abmaß über Wassertiefen. Als er befestigte die Wolken oben, als er erstarken ließ die Quellen aus der Tiefe, als er dem Meere seine Grenze setzte, die Wasser sein Gebot nicht überschritten, als er der Erde Fundamente legte. Mit ihm fügte ich alles zusammen, und ich war seine Wonne Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf dem Umkreis seiner Erde, und meine Wonne ist es, mit den Menschenkindern zu sein. Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich, und selig, wer auf meine Wege achtet! Vernehmt die Zucht, damit ihr weise werdet, und lehnet meine Mahnung nimmer ab! Ja, selig jeder Mensch, der hört auf mich, um Tag für Tag vor meiner Tür zu wachen und um zu hüten meiner Tore Pfosten! Denn wer mich findet, findet Leben und erntet Wohlgefallen von dem Herrn.

Durch die Wahl dieser Lesungen zu den beiden Marienfesten wird eine Beziehung vom Wesen Mariä mit dieser geschaffenen Weisheit angedeutet, die “aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging”, bevor irgend etwas anderes geschaffen wurde. Wir wissen, daß das Alte Testament gerade da, wo es besonders geheimnisvoll und dunkel wird, prophetisch auf Wahrheiten hinweist, die im jüdischen, vorchristlichen Geist noch nicht voll erfaßt werden konnten. Jesus wies ja oft darauf hin, daß die Boten Gottes, die vor ihm kamen, nicht gehört wurden, fortgeschickt oder totgeschlagen wurden.

Wir können diese Stellen wörtlich auffassen, müssen es nicht allegorisch nehmen. Die Weisheit ist ein Wesen, das zwar selbst geschaffen ist, aber vor allen anderen Dingen geschaffen wurde. Sie war zugegen bei allem, was Er schuf. Sie spielte vor Ihm alle Zeit. Der Mensch kann sich mit ihr verbinden (“sie hören”), zu seinem Nutzen, denn wer sie findet, der findet das Leben, und das Heil von Gott. Wir können dieses Weisheits-Wesen daher wesenhaft verbunden sehen mit Maria. Die Weisheit zu verstehen, bedeutet sich an der Schönheit in der Schöpfung zu erfreuen. Die Weisheit ist aber auch schon vom Urbeginn her die Antwort der Schöpfung: “Die Weisheit ist die reine, unverfälschte Antwort, die auf das göttliche Wort hin angemessen und richtig reagiert”, wie es der anonyme Priester im oben zitierten Text schreibt, und genau darin ist Maria Geist vom Geist der Weisheit. Ihr aus ihren Wesenstiefen geschöpftes Ja, das den Ungehorsam der ersten Eva auslöscht, ist Vorankündigung und Vorbereitung der Erlösungstat Christi.

Es ist noch mehr in dieser Beschreibung. Stellen wir uns ein Kind vor, das voller Vertrauen seiner Mutter zulächelt, und in diesem Lächeln ist alle Lebensbejahung, alle Lebensfreude, alles Wohlgefallen am Sein, in das die Mutter es gesetzt hat, enthalten. Von dieser Art ist das Spiel der Weisheit vor den Füßen des Herrn. Sie, die Erstgeschaffene, hat in einer tiefst zufriedenen, vollkommenen Glückseligkeit ihre Existenz angenommen. Es ist das glückliche “Von Du zu Du” oder “Von Angesicht zu Angesicht” zwischen Gott und der Kreatur in ihrer ganzen, von Gott geschaffenen, reinen, noch durch keinen Engelsturz oder Sündenfall verdorbenen Fülle. Zugleich ist dieses Lächeln ganz Hingabe, sie lächelt in den Gott hinein, aus dem sie hervorging. Wer sie verehrt, betet sie also nicht an, sondern betet den an, auf den sie selbst mit ihrem ganzen Wesen gerichtet ist, den sie selbst in einer totalen Hingabe anbetet.

Maria ist “voll der Gnade”, wie der Engel ihr mitteilt, und darin ist auch das Glück ihrer vollständigen Heiligkeit enthalten. Sie ist die erste Heilige, denn sie wurde nach ihrem irdischen Leben mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen und genießt die Freude der ewigen, beseligenden Schau Gottes. Auch das ist einer der großen Gründe für unsere Marienverehrung, denn in der Erfüllung ihres Lebensweges liegt Hoffnung für jeden einzelnen Menschen.

Durch Maria zu Jesus - dieses Motiv findet sich z.B. in den Betrachtungen des Hl. Josefmaria Escrivá (1902-1975), des Gründers von Opus Dei.

Veröffentlicht: Dienstag, den 17. Dezember 2019