Rüdiger Plantiko

Zurück
Ich komme hier auf das Thema der Verschwörung zurück, das ich bereits in meiner Besprechung des Buches American Betrayal kurz angeschnitten hatte.

Eine Verschwörung ist dem Wortsinne nach einfach eine unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffene Verabredung, um gemeinsame Massnahmen auf ein bestimmtes Ziel hin zu planen und zu koordinieren. Nur naive Menschen dürften glauben, dass es solche geheimen Absprachen der Reichen und Mächtigen nicht gibt. Dass zwei Unternehmen heimlich ihre Preise absprechen, mag dabei jedem noch wahrscheinlich vorkommen. Aber kann es auch geheime Absprachen geben, die den Niedergang einer ganzen Gesellschaft zum Ziel haben? Müsste bei einem solch gewaltigen Ziel nicht bald das Menschlich-Allzumenschliche siegen: dass nämlich, wenn drei Leute ein Geheimnis haben, einer von ihnen es ausplaudern wird?

Nun ist es gar nicht gesagt und auch nicht notwendig, dass solche Dinge vollständig im Geheimen geplant werden – und das Trägheitsgesetz macht die Vorstellung von einem gesteuerten Niedergang zumindest sehr plausibel:

Für Gesellschaften gilt etwas, was dem ersten Newtonschen Gesetz (auch Trägheitsgesetz genannt) sehr ähnlich ist: Normalerweise haben auch Gesellschaften nämlich ein natürliches Beharrungsvermögen, ein affirmatives Verhältnis zu ihrer Tradition, wodurch sie im Grossen und Ganzen bei ihren Sitten, Gebräuchen und eigenen Wertvorstellungen bleiben. Auch versuchen die meisten Menschen, die sicheren Netze gegenseitiger Solidaritätserwartungen zu erhalten, in die sie hineingeboren wurden - etwa die Zusammenhänge von Familie und Volk. In Analogie zum ersten Newtonschen Gesetz könnte man sagen: eine Gesellschaft verbleibt auf dem Kurs von "Tradition und Fortschritt", von permanenter Entfaltung und Weiterentwicklung, aus der bejahenden Annahme ihrer Überlieferung heraus — solange keine äusseren Kräfte auf sie einwirken.

Wenn wir heute beobachten, dass es zu einer immer weiter um sich greifenden Zerstörung dieser Zusammenhänge kommt, ist die Annahme wenigstens sehr plausibel, dass diesen natürlicherweise vorhandenen Beharrungskräften aktiv Gegenkräfte entgegengesetzt werden; aus der Tatsache, dass die Gesellschaft sich heute nicht mehr in organischer Weise aus ihrer Vergangenheit weiterentwickelt, sondern stagniert oder sogar in die Infantilität regrediert, erhebt sich die Frage: Welche äusseren Kräfte haben dazu geführt, dass die westlichen Gesellschaften die Linien ihrer Tradition abgeschnitten haben? Wer oder was bringt uns dazu, dass wir das Erbe unserer Vorfahren auf den Müll werfen und es der grenzenlosen Beliebigkeit preisgeben?

Diese Argumentation einmal zugestanden, kommen verschiedene Interessengruppen als steuernde Kraft in Frage. Neben den gern bemühten Geheimgesellschaften (den Freimaurern, Illuminaten, Bilderbergern o.ä.) sind auch Lobbygruppen in Erwägung zu ziehen (wozu auch die politischen und wirtschaftlichen Eliten mit ihren Eigeninteressen gehören) – und Agenten ausländischer Mächte, die mittels Propaganda und Unterwanderung der Staatsorgane das infizierte Staatswesen in ihrem Sinne lenken oder beeinflussen wollen. Potentiell ist jede Gruppe mit Eigen- oder Sonderinteressen, die dem Interesse des Volkes an seiner eigenen Erhaltung entgegenlaufen, ein möglicher Kandidat.

Zu bedenken ist eben auch, dass der Aspekt der Verborgenheit zwar für die Begriffsdefinition einer "Verschwörung" entscheidend ist. Aber in der Realität sind auch steuernde destruktive Kräfte denkbar, die in aller Offenheit operieren - oder in einer Mischung aus offenen und heimlichen Absprachen. Zur Verdeutlichung erinnerte die Journalistin Oriana Fallaci in ihrem visionären Buch Die Kraft der Vernunft an Edgar Allan Poes Geschichte Der entwendete Brief:

Ich schreibe diese Daten nieder, und obgleich sie mir längst vertraut sind, empfinde ich eine Art ungläubigen Staunens. Denn mein Gott: Es handelt sich ja nicht um eine Verschwörung, die im Dunkeln von Unbekannten oder allein den Polizeipräsidien oder Interpol bekannten Galgenstricken angezettelt worden war. Vielmehr handelt es sich um eine Verschwörung, die am hellichten Tage vor aller Augen bewerkstelligt wurde, vor laufenden Fernsehkameras und angeführt von berühmten Staatsmännern. Von bekannten Politikern, von Leuten, denen Bürger ihre Stimme und somit ihr Vertrauen geschenkt hatten. Sie hätte also gestoppt werden können. Neutralisiert. Doch fest steht, dass die Beteiligten gerade den hellichten Tag, die Fernsehkameras, die Scheinwerfer, ihr Prestige oder angebliches Prestige nutzten. Mit einer solchen Frechheit übrigens, dass es niemandem auffiel. Niemand hegte einen Verdacht. Und am Ende hatten wir verloren wie der Präfekt von Paris in der Erzählung von Edgar Allan Poe.

Ist dir Poes Erzählung Der entwendete Brief präsent? Der berühmte Minister D., ein genialer Mann ohne einen moralischen Grundsatz, ein zu allem fähiges monstrum horrendum, entwendet aus dem königlichen Boudoir einen sehr wichtigen Brief. Ein Dokument, das ihm unschätzbare Vorteile bringen und die Welt ins Verderben stürzen kann. Der Präfekt von Paris muss den Brief also wieder auftreiben, und da er eine so bedeutende Persönlichkeit nicht des Diebstahls anklagen kann, organisiert er einen fingierten Raubüberfall. Er schleicht sich in den Palast des Ministers und kehrt in jedem Saal, in jedem Zimmer, in jedem Korridor, in jeder Kammer, in jedem Winkel das Unterste zuoberst. Er durchwühlt jede Schublade, blättert in jedem Buch, durchsucht jedes Kleidungsstück in der Garderobe. Aber vergeblich.

Denn anstatt den Brief zu verstecken, hat das monstrum horrendum ihn in den Vordergrund gerückt. Er hat ihn in ein Etui geschoben, das an einer schönen blauseidenen Kordel in seinem Arbeitszimmer am Kamin baumelt. In seinem Arbeitszimmer, wo er alle und jeden empfängt, wohlgemerkt. An den Kamin, wo jeder beim Eintreten seinen Blick heftet. Es ist ein Etui, aus dem der Brief sogar, samt seinem Siegel, zwei oder drei Zentimeter herausragt. Erkennbar also, sichtbar auch für einen Blinden. Und doch sieht der Präfekt ihn nicht. Oder besser gesagt: Er sieht ihn, aber die Idee, dass da vor aller Augen, in Reichweite eines jeden, der gesuchte Brief hängen könnte, kommt ihm gar nicht...

Bleibt die Frage nach dem cui bono: Wie pervers muss eine Gruppe sein, um - offen oder verdeckt - die Zerstörung einer funktionierenden Gesellschaft anzustreben? Wer kann ein solches Interesse haben - würde er als Teil der Gesellschaft doch selbst von deren Niedergang in die Barbarei in Mitleidenschaft gezogen?

Nun, das ist nicht so unplausibel, wie es scheint:

  • Wer an einer fundamentalen Umgestaltung der Gesellschaft interessiert ist, kommt leicht auf den Gedanken, die gewünschte neue Ordnung auf den Trümmern der bestehenden zu errichten. Marxistische Ideologen wie die der Frankfurter Schule haben genau dies zum Programm erhoben: Sie erkannten zu ihrem grossen Bedauern, dass die Menschen nicht zu einer Revolution, einem gewaltsamen Sturz der herrschenden Klasse zu bewegen waren. Daher änderten sie die Strategie und strebten stattdessen an, durch die Zersetzung der tragenden Säulen der verhassten "bürgerlichen" Gesellschaften - Volk und Familie - deren Untergang zu beschleunigen. Diesen Untergang sahen sie als notwendige Vorraussetzung zur Errichtung der von ihnen phantasierten egalitären Zukunftsgesellschaft. Die Studentenbewegung verdichtete später diese Idee zum Slogan "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"
  • Einem Land Schaden zuzufügen, kann auch Völkern im Kampf um die Vorherrschaft in den Sinn kommen - die etwa ihren grössten Konkurrenten auszuschalten suchen, indem sie ihn in den wirtschaftlichen Niedergang befördern.
  • Globalisten schliesslich träumen von einer Gesellschaft, in der es keine Völker gibt, sondern eine Einheitsmenschheit - keine trennenden Religionen mehr, sondern nur noch verschiedene Facetten einer Welt-Einheitsreligion (die hinter allen wohlklingenden Säuselworten vor allem eines ist: die Negation jeder konkreten Religion) - keine Nationalstaaten mehr, sondern nur noch eine Weltregierung. In einer perversen Umkehrung des Subsidiaritätsprinzips streben sie die maximale Macht für eine weise Führungsschicht an, zu der sie sich selbst rechnen, während all die anderen gewordenen und gewachsenen Machtstrukturen bis hin zu den souveränen Nationalstaaten, zu zerschlagen sind - so dass die gesamte Welt zu einer riesigen Herde wird, geführt von einer kleinen Gruppe von Politikern, die als Zentrale der Vernünftigen wirken, den Reichtum der Welt weise umverteilen und die ansonsten ja führungslosen, unverantwortlichen dummen Untertanen mit vorausschauenden, von tiefem Führerweitblick gezeichneten Gesetzen an die Hand nehmen.
    Neben verblendeten Naivgläubigen, die es natürlich immer und für alles gibt (selbst für solche abartigen Ideen) ist die treibende Kraft für diese "Verschwörung am hellichten Tage" das simple Machtstreben der politischen und wirtschaftlichen Eliten.
Veröffentlicht: Mittwoch, den 9. September 2015