Rüdiger Plantiko

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Ein Bekannter versichert mir glaubhaft folgende Begebenheit: Als er mit einer Zeugin Jehovas durch das Godesberger Villenviertel fuhr, geriet sie über die Schönheit der Häuser ins Schwärmen: Diese Villa ist wunderschön! Da will ich wohnen, wenn das Reich Gottes kommt! Hier wurde also das Paradies, die neue Erde der alten Erde gleichgesetzt, die durch einen demnächst zu erwartenden Eingriff Gottes den Gläubigen übereignet werde.

Das zeigt exemplarisch, wenn auch extrem, eine Abirrung, die sich bis ins frühe Christentum verfolgen lässt: Eine gänzlich materialistische, von unseren irdischen Vorstellungen besetzte Vision der letzten Dinge. Sie geht meist einher mit moralischem Rigorismus, mit einer besonderen Strenge und buchstäblichen Deutung des Evangeliums - entgegen der Schriftstelle, dass der Buchstabe tötet, der Geist aber lebendig macht (2. Kor. 3,6). Verständlicherweise wehren sich genau die Anhänger eines buchstabengetreuen Bibelglaubens dagegen, dass man diese Schriftstelle etwa so deuten könne, wie sie jeder Unbefangene versteht - oder dass man sich gar unterstehen würde, sie auf die Bibel selbst anzuwenden (siehe z.B. Gerrid Setzers Kommentar in http://www.bibelpraxis.de/index.php?article.221 ). Dass man den gesamten Text der Heiligen Schrift aber sowieso nicht für wahr halten kann, sollte klar sein: ich habe dies in meinem Beitrag Die ganze Heilige Schrift? diskutiert.

Ein frühes Beispiel für solche materialistischen, buchstabengläubigen Strömungen im Christentum ist die Bewegung der Montanisten, die in einem Artikel von Wolfgang Klippert auch in ihrem Einfluss auf die Entwicklung der Kirche kritisch beleuchtet wird: Der Montanismus - eine frühchristliche Pfingstbewegung?. Wenn ich Beschreibungen der Montanisten lese, drängt sich die Parallele zu heutigen "charismatischen" Bewegungen im Christentum auf. Zwar sind diese immerhin offen für geistige Offenbarungen, betrachten die christliche Lehre also nicht als mit dem Alten und Neuen Testament abgeschlossen, aber sie kleben meist an viel zu engen, irdischen Vorstellungen von ihrer Religion. Sie pressen geistige Inhalte in ein Korsett von ganz konventionellen Anschauungen. Das wird nirgends so deutlich wie beim Thema der Endzeit-Erwartung. Nicht nur, dass sie sich über das Verdikt hinwegsetzen, dass niemand den Tag und die Stunde der Wiederkunft weiss, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern nur der Vater (Mk 13.32), indem sie genaue Termine für diese Endzeit ermitteln — auch das, was danach kommt, zeichnen sie ganz konkret mit ihrem jetzigen, ganz im Diesseits verhafteten Wunsch- und Vorstellungsleben.

Diesem Irrtum ist auch der Mohammedanismus verfallen, wenn er bei der Schilderung der Freuden des Paradieses eine Art idealen Wein beschreibt (ohne Nebenwirkungen und mit optimalem Rauscheffekt) und die berühmten Jungfrauen mit schwellenden Brüsten (Sure 78, Vers 33). Über die Frage nach der Geschlechtlichkeit im Jenseits heisst es dagegen im Evangelium: In der Auferstehung werden sie weder heiraten noch sich verheiraten lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel im Himmel. (Mt 22.30). Das passiert, wenn der in uns lebende, auf die Ewigkeit angelegte Geist mit dem lauten, nach Bedürfnisbefriedigung verlangenden Alltagsbewusstsein gleichgesetzt wird.

Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Wie mit unserer Seele, ist es auch mit der Schrift. Da gibt es die laute Buchstabenebene und die leise Ebene, die uns "anlupft", indem sie uns eine zarte Ahnung von dem transzendenten Urgrund unseres Daseins geben kann. Als Gegenmittel gegen Montanus hilft sicher Origenes — etwa mit seiner Lehre vom dreifachen Schriftsinn (auch wenn er stellenweise ins andere Extrem verfallen ist, indem er seine allegorische Methode zuweilen etwas überstrapaziert hat).

Veröffentlicht: Sonntag, den 11. März 2012